Der Begriff "Briefspiel" geistert immer wieder durch Foren, Gruppen und Videos, die sich mit DSA beschäftigen. Mindestens genauso oft wird nicht weiter darauf eingegangen und Neulinge werden über die Hintergründe im Unklaren gelassen. In diesem Artikel wollen wir erklären, woher das Briefspiel kommt und was es ist.

Entstehung und Geschichte des Briefspiels
Seinen Anfang nahm das Briefspiel 1988 unter Ulrich Kiesow; seinerzeit wurden zahlreiche Lehen in Spielerhände gegeben. Bei solchen "Lehensvergaben" wurde das Powerlevel sukzessive immer weiter heruntergesetzt. Wurden anfangs noch direkt Baronien vergeben, vergab man später an Neueinsteiger nur noch Niederadelslehen. Die letzte offizielle Lehensvergabe fand 2009 statt. Mittlerweile werden die verschiedenen Briefspielprovinzen von sogenannten "Regionalkanzlern" geführt, die gleichzeitig als Bindeglied zur DSA-Redaktion, Aufsicht und Provinz-SL dienen. Sie entscheiden in eigenem Ermessen über die Aufnahme neuer Spielender in ihren Aufgabenbereich, bilden die Schnittstelle zwischen Redaktion und Briefspielerschaft und wachen darüber, dass die Spielaktionen nicht das Flair der Region beeinträchtigen.

Was ist dieses Briefspiel überhaupt?
Erst einmal ist Briefspiel eine Spielart von DSA wie Virtual Tabletop, LARP oder Pen-and-Paper. Wie bei all diesen Spielarten ist die Grundidee ("Komm', wir spielen DSA!") dieselbe, nur die Rahmenbedingungen unterscheiden sich.

Wie üblich findet sich eine Gruppe von Spielenden zusammen, die unter Aufsicht einer SL (oder zusammen mit ihr, oder gegen sie, je nach Sichtweise) einen aventurischen Hintergrund bespielen. Wie auch am Spieltisch haben alle Beteiligten mehr oder weniger Ahnung von der Spielwelt und ihren Regeln. Verschiedene Personen spielen verschieden intensiv, alle haben ihre persönlichen Vorlieben und wie sonst bei DSA bilden die Spielenden (Unter-)Gruppen mit Leuten ihrer oder ähnlicher Spielphilosophie. Gerade LARPer werden das Konzept separater, aber doch parallel bzw. zusammen spielender Gruppen kennen. Auch am Spieltisch ist das Konzept als sogenanntes "Multiparalleles Abenteuer" bekannt. Briefspielcharaktere entwickeln sich wie alle anderen Helden mit der Zeit weiter, erleiden Schicksalsschläge, erringen Siege, feiern Erfolge, betrauern Verluste und sammeln Lebenserfahrung.

Damit hören die Gemeinsamkeiten allerdings größtenteils auf. Nun zu den Unterschieden:

Das Spielprinzip
Der Ursprung des Briefspiels war wortwörtlich der geschriebene Brief, der mit der Post durch die ganze Republik verschickt wurde. Obwohl uns der Segen der modernen Technik es mittlerweile erlaubt, auf Instrumente wie Google Drive (oder zumindest Word) zurückzugreifen, hat sich eines nicht geändert: Die Kommunikation im "echten Briefspiel" verläuft nach wie vor asynchron. Jemand denkt sich einen Plot aus, verfasst eine Einleitung und stellt den Text den Mitspielenden zur Verfügung, um zu reagieren. Diese schreiben dann ihren Teil dazu und irgenwann äußert sich wieder die SL.

Man sitzt sich im Briefspiel also nicht direkt gegenüber wie im VTT, LARP oder PNP, sondern kommuniziert schriftlich. Das bedeutet, die Spielenden müssen ihre Antworten nicht sofort geben, sondern können in Ruhe formulieren- was unter Hochadligen sicher auch oft zu einer würdevolleren Atmosphäre beiträgt. Außerdem ist das Spiel nicht an feste Spieltermine gebunden, sondern kann immer dann stattfinden, wenn man gerade ein paar Minuten Zeit für eine Antwort hat. Der Nachteil dieser Spielweise ist natürlich, dass sich das Spiel hin und wieder verzögert, wenn wichtige Mitspielende nicht zum Antworten kommen. Es kommt auch vor, dass sich längere Plotdokumente irgendwann totlaufen oder gar das genaue Gegenteil passiert: Gerüchte besagen, dass am Plotdokument zur Schlacht von Crumolds Auen (immerhin 1028 BF) noch heute geschrieben wird... Nun, jedenfalls ist die Grundidee, dass hier weniger spontan reagiert wird, sondern dass das Briefspiel eher eine große Übung im kollaborativen, kreativen Schreiben ist.

Bauerngaming statt Powergaming
Ein auffallender Unterschied zwischen traditionellen DSA-Helden und Briefspielcharakteren ist deren Stärkelevel. Ziel des Briefspiels ist hauptsächlich, das regionale Flair einer Region zu beschreiben und zu pflegen. Selbstverständlich wird damit auch gespielt und natürlich werden auch bei uns AP vergeben, aber es gehört bisweilen zum guten Ton, das Wachstum des eigenen Charakters irgendwann still auslaufen zu lassen oder diesen vielleicht nicht mehr "voll auszuspielen". Grund dafür ist, dass Helden nach mehreren Jahrzehnten des Heldendaseins exorbitant hohe Spielwerte anhäufen, wonach sie (eigentlich) kontinentweit bekannte Supermenschen sein müssten. Das mag am privaten Spieltisch funktionieren, aber für die Darstellung einer glaubhaften Spielwelt ist es nicht gerade förderlich, wenn jeder Spielerbaron (samt seinem Gefolge) jeweils Kampfwerte jenseits der 20 aufweist. Böse Zungen würden behaupten, in dieser Welt bräuchte wohl niemand mehr Abenteurer. Natürlich gibt es auch im Briefspiel "starke" Charaktere wie Hochgeweihte der Zwölfe, berühmte Turnierritter oder wirklich fiese Banditenanführer, aber der interne Vergleich in der Briefspielerschaft läuft statt über AP viel eher über politische Macht oder gesellschaftliches Ansehen, die ein Charakter im Laufe der Zeit angesammelt hat.

Hiermit geht auch eine andere Art Plot einher. Im Briefspiel wird deutlich seltener die Welt gerettet, als in "normalen" Pen-and-Paper-Runden. Richtschnur ist, dass die Resultate von Briefspielaktionen nicht einfach den gesamtaventurischen Hintergrund verändern können. Beispielsweise können nicht einfach reihenweise magische Artefakte, gewaltige Geldsummen, allzu exotische Wesenheiten, Dämonenheere oder ähnliches auftauchen, da es die Logik der regionalen Spielwelt brechen würde. Auch hier bestehen natürlich Möglichkeiten, mit diesem ungeschriebenen Limit zu spielen. Charaktere sterben, Fehden werden geführt, Traumata ausgelöst, Dukaten wechseln die Besitzer, Traumwelten und Globulen existieren, und so weiter. Am Ende des Tages lösen Briefspielplots aber (meist) erheblich weniger Umwälzungen in Aventurien aus als eine offizielle Kampagne. Eine weitere Besonderheit ist -wenig überraschend- die Überrepräsentanz gesellschaftlicher Plothooks, um diverse Adlige aus verschiedenen Teilen einer Provinz zur Anreise zu motivieren. Es gibt beispielsweise den Running Gag der "albernischen Hochzeit", zu der man für alle Fälle besser schwer gerüstet und bewaffnet erscheinen sollte.

Wer bin ich und wie viele?
Eine Besonderheit des Briefspiels ist, dass hier eine Person oft mehr als einen Charakter spielt. Selbstverständlich gibt es auch bei uns Spielende, die nur einen oder zwei Charaktere bespielen und viele Briefspielende haben natürlich diesen einen, lieb gewonnenen Charakter, den sie beispielsweise auf LARP-Cons immer wieder darstellen. Dennoch verwalten Briefspielende meist eher Familien(zweige) als einzelne Helden. Wer ein Lehen erhält, bekommt den dazugehörigen Charakter, welcher das Lehen führt, als SC übertragen. Oft gehören allerdings auch dessen unmittelbare Familie, die Höflinge und Bediensteten sowie diverse Untertanen mit dazu. Je nachdem, wie aktiv man die Wikiseiten dieser Charaktere pflegt, kann das ein ziemlicher Aktualisierungsaufwand werden. Aus einer gewissen Perspektive werden Briefspielende so zu stillen Hausmeistern eines erweiterten DSA-Hintergrunds.

Briefspielcharaktere unterscheiden sich von Spieltischhelden dadurch, dass sie nicht auf Abenteuerfahrt gehen, sondern in der Regel einen festen Wohnort, eine Profession und Anstellung sowie permanente Aufgaben haben, denen sie nachkommen müssen (beispielsweise als Dienstritterin am Hofe eines Barons o.ä.) Es handelt sich also nicht um "Abenteurer" im herkömmlichen Sinn.

Gewusst, wie!
Eine Konsequenz aus den vorangehenden Punkten ist, dass sich Briefspielende oft sehr intensiv mit dem mittelreichischen Adelssystem und allem, was damit zusammenhängt, beschäftigen. Dies bezieht sich vor allem auf Themengebiete der Etikette wie Titel und Anreden, Minne, Musik und Tanz, aber oft genug auch Randthemen wie Heraldik, Verwaltung, Rhetorik oder Baukunst. Die Interessengebiete gehen hier weit auseinander, aber zumindest eine Behauptung liegt nahe, nämlich, dass Angehörige des Briefspiels in der Regel ein großes Verständnis (und manchmal ganz eigene Vorstellungen) von höfischem Benehmen haben.

Dieser Erfahrungsschatz wirkt, von außen wahrgenommen, bisweilen einschüchternd. Wer es nicht gewohnt ist, dass die Mitspielenden spontan die letzten zwei Generationen ihrer Familie samt Ehepartnern und Kindern herunterbeten (was übrigens bei Weitem nicht alle von uns können!), wird sich womöglich zunächst etwas fehl am Platze fühlen. Für die meisten Neulinge ist -und darüber sollte man sich durchaus im Klaren sein- eine gewisse Einfindungsphase nötig, bevor sie ihren passenden Rhythmus gefunden haben. Allerdings finden sich eigentlich an jeder Ecke altgediente Briefspielende, die "die Neuen" unter ihre Fittiche nehmen.

Das Briefspiel und die Redaktion
Eine naheliegende Assoziation des Briefspiels ist eine gewisse Nähe zur DSA-Redaktion beziehungsweise zum Metaplot.

  • Richtig ist, dass die Regionalkanzler der verschiedenen Provinzen einen direkten Draht zur Redaktion haben. Dies ist erforderlich, um Kontinuitätsfehler zwischen Metaplot und Briefspiel möglichst zu vermeiden. Allerdings ist dieser Kontakt von einer klaren Unterordnung des Briefspiels geprägt, das heißt, das Briefspiel richtet sich nach den Vorgaben der Redaktion, und im Zweifel gilt, was in den offiziellen Publikationen steht. Außerdem ist die Verbindung zum Verlag im Briefspielalltag quasi nicht wahrnehmbar. Nur die wenigsten Briefspielenden (nämlich die, die größere Plots gestalten) hören vielleicht einmal einen Hinweis des Kanzlers dazu, dass etwas so aber nicht geht, weil etwas dagegenspricht.
  • Richtig ist auch, dass einzelne Briefspielende in irgendeiner Kapazität für Ulisses tätig sind oder waren, beispielsweise als freie Autoren, und an offiziellen Publikationen mitarbeiten. Das sind vor allem Werke mit regionalem Bezug wie Regionalspielhilfen, bei denen lokales Flair begesteuert wird, aber auch der Aventurische Bote, in dem gelegentlich Artikel mit Briefspielhintergrund erscheinen. Dies ist im Briefspielalltag aber kein Thema und wird auch fast nie angesprochen.
  • Richtig ist außerdem, dass Wechselwirkungen zwischen dem Briefspiel und offiziellen Publikationen bestehen. Beispielsweise wurde der Albernia-Nordmarken-Konflikt (1027-1032) als Vorgabe der Redaktion stark durch das Briefspiel ausgelebt. Der Zug der Edlen in die Wildermark (1035-1036) hingegen ist ein Beispiel für eine Briefspielaktion, die später Einzug in den Aventurischen Boten fand. Auch einzelne Inhalte von Abenteuern und die gerade genannten Regionalspielhilfen beziehen sich teilweise auf Personen, Örtlichkeiten, Gegenstände (etc.), welche ihren Ursprung irgendwann einmal im Briefspiel hatten.

Weiterführende Lektüre
Dieser Artikel behandelt das Briefspiel im Allgemeinen. Für Informationen konkret zum Setting des albernischen Briefspiels siehe hier.

- geschrieben in einer viel zu warmen Silvesternacht, irgendwann zwischen 2022 und 2023